4. Vorschläge zu Bewertungsverfahren

Bewertungen sind etwas höchst alltägliches: Ob Blumenkohlbratling oder Rindersteak zum Mittagessen, ob es heute heiß, warm, lau, kühl oder kalt ist, ob der MAC oder der PC der bessere Computer ist, all dies kann Gegenstand von Bewertung sein - häufig zum Zwecke der Entscheidungsvorbereitung.

Diese Bewertungsvorgänge sind in hohem Maße subjektiv und von vielerlei Randbedingungen abhängig. Das Ergebnis des jeweiligen Bewertungsvorgangs kann bestenfalls mit statistischer Wahrscheinlichkeit vorhergesagt werden. Individuen können unter identischen Gegebenheiten zu unvereinbaren Bewertungen kommen, die oft nicht von der 'höheren Warte der Objektivität' aus als 'besser' oder 'schlechter' klassifizierbar sind.
Bei Entscheidungen, die einen Gruppenkonsens erfordern, ist diese Subjektivität ein Faktor, der den Bewertungsvorgang u.U. erschwert und zu Konflikten beitragen kann.

Die Entwicklung einer 'wissensbasierten Bewertungskomponente' soll ein Beitrag sein, konsensuale Bewertungen in (wissenschaftlichen) Gruppen zu fördern. Dabei kann es jedoch nicht Ziel sein, Bewertungen zu objektivieren oder sie gar mit Computerhilfe 'automatisch' vorzunehmen. Mit der Entwicklung des 'Werkzeugs' Bewertungskomponente wird angestrebt, Bewertung nachvollziehbar und die Folgen getroffener Entscheidungen sichtbar zu machen. Dies ist eine Voraussetzung, um die Einigung auf eine gemeinsam getragene Bewertung zu erleichtern bzw. Wertkonflikte so frühzeitig offenbar werden zu lassen, daß Lösungswege gesucht werden können.

Einige grundsätzliche Thesen zu Bewertung:

Es wurde bereits angeführt, daß es bei der Entwicklung eines Bewertungssystems erforderlich ist, so gut wie möglich zwischen "Bewertungszusammenhängen" und "Wirkungszusammenhängen" zu unterscheiden. Mit dem WAVES-Kausalmodell wurden auf der Ebene der "Wirkungszusammenhänge" Ergebnisse vorgelegt; in der weiteren Bearbeitung sollten nun die "Bewertungszusammenhänge" im Vordergrund stehen.

 

Zum Zeitpunkt des hier vorliegenden Projektberichts kann noch kein abschließender Verfahrensvorschlag für eine Bewertungskomponente vorgestellt werden. Dennoch halten wir es für sinnvoll, den Bewertungsvorgang durch eine Formalisierung - eine 'Spielregel' - zu strukturieren, die unter den Beteiligten verbindlich vereinbart wird. Vorläufig stellen wir dafür folgendes Ablaufschema zur Diskussion:

4.1 Entwurf eines Ablaufschemas für Bewertungsverfahren
Arbeitsschritt Gegenstand / Vorgehensweise Beispiel / Erläuterung
Ausgangspunkt eine beliebige Frage-/Problemstellung oder zu treffende Entscheidung

=> gegebener Anlaß


Sichtweise
('Geschichte')
möglichst alle Beteiligten sollten kundtun, aus welchem Betrachtungswinkel sie das Problem angehen wollen (dadurch entsteht u.U. eine Erweiterung oder aber eine Konkretisierung des Bewertungsproblems)

=> individuelle Entscheidung

mögliche Sichtweisen: naturwissenschaftliche
sozialwissenschaftliche
nationalökonomische
frauenpolitische etc.
Gegenstandsbereich auf dieser Grundlage wird, anhand von festzulegenden Aspekten, die bei der Bewertung eine Rolle spielen, der Gegenstandsbereich der Bewertung definiert, etwa als Rekonstruktion kausaler Beziehungen
=> Aushandlungsprozeß

Die Gesamtheit der Kausalbeziehungen spannt u.U. einen Konfliktraum auf (Zielkonflikte)

diese Aspekte muß man berücksichtigen, wenn alle Sichtweisen eine Rolle spielen sollen
Kriterien für die einzelnen Aspekte müssen Kriterien festgelegt werden, die die Ausprägung der Aspekte abbilden
=> Aushandlungsprozeß

die oben angeführten Kriterien können durchaus nichtlinearen Charakter haben;
um diesem Sachverhalt Rechnung zu tragen, schlagen wir die Einführung von Optimum und Begrenzung vor

hierbei wird sich zeigen, daß Kriterien sehr unterschiedlichen Gehalt haben und sich ihr "Wert" nicht immer genau bestimmen läßt, z.T. sind sie genau definiert, andere umreißen eine ganzes Themengebiet; u.U. ist es notwendig, Indikatoren für die Kriterien zu definieren
Optimum für jedes Kriterium (auf welcher Ebene auch immer) sollte gruppen-konsensual ein Wert ermittelt werden, bei dessen Erfüllung die beste Lösung gefunden oder der beste Zustand erreicht wird
=> Aushandlungsprozeß

treten unvereinbare Widersprüche bei Kriterien auf, die bei der aggregierenden Gewichtung eine mittlere bis hohe Wertschätzung erfahren haben, müssen die Extremwerte festgehalten werden, damit sie bei der Bewertung Berücksichtigung finden

das Kriterium ist (zu 100%) erfüllt, wenn der Wert erreicht ist



gegebenenfalls muß je eine Bewertung mit den gegenläufigen Optima abgegeben werden

Begrenzungen für jedes Kriterium können zusätzlich Unter- und Obergrenzen festgelegt werden, ab der die Erfüllung inakzeptabel ist
=> Aushandlungsprozeß
"wenn das zulässig ist, wird für mich jede Entscheidung untragbar"
Aggregation ist ein Punkt erreicht, an dem alle Beteiligten kundtun, daß ihre wesentlichen Interessen / ihr Wissen Berücksichtigung finden, muß abgewägt werden, wie stark die einzelnen Kriterien in die Bewertung eingehen sollen; dabei sind als 'Zwangsbedingungen' die Gegebenheiten des Kausalnetzes zu beachten
=> Aushandlungsprozeß
"das eine ist mir wichtiger als das andere"

"die Erfüllung des einen Zieles tritt in Konflikt zu der Erfüllung eines anderen"

Systemkriterien höher aggregierte Kriterien, die sich aus der Verknüpfung von Einzelkriterien ergeben. Systemkriterien sind in der Regel abstrakter und meist nichtlinear; in ihrer höchsten Ausprägung stellen sie Leitwerte dar
=> Aushandlungsprozeß

z.B. Lebensqualität, nachhaltige Entwicklung

Für spätere Arbeiten in Richtung "Bewertungsverfahren" wäre es hilfreich, diese Regeln an einem (künstlichen) Beispiel durchzuspielen.


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Zum Anhang 4: Tabellen der vorläufig aufgrund der Experteninterviews ermittelten Leitvorstellungen, Kriterien und Indikatoren